Fachkräftemangel, Integration von Geflüchteten und die Frage: Wie kann die Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland so gestaltet werden, dass sie wirklich allen jungen Menschen gerecht wird – unabhängig von Behinderung, Alter, Herkunft oder schwierigen Lebensumständen?
Diese Fragen diskutierten am Montag Vertreter:innen der Jugendhilfe des Cornelius-Werks, des Erziehungsverbandes EREV und die örtliche Bundestagsabgeordnete Anna Aeikens (CDU) in Burg. Sie meinte: „Kinder können nichts für die Situation, in die sie hineingeboren werden.“
Zum Auftakt berichtete Dr. Björn Hagen vom Evangelischen Erziehungsverband EREV von zwei Geschwistern aus Sachsen, von denen eines behindert ist. Die beiden mussten zwischen Jugendhilfe und Eingliederungshilfe aufgeteilt werden, also in unterschiedlichen Einrichtungen unterkommen, weil die Jugendhilfeeinrichtung keine Betriebserlaubnis für ein behindertes Kind hat. „So wurde den beiden das Wichtigste im Leben genommen, was sie noch hatten – ihr Geschwisterkind“, sagte der Geschäftsführer.
Hilfen aus einer Hand und nicht von verschiedenen Ämtern stehen im Mittelpunkt der Reform des Kinder- und Jugendstärkungsgesetzes, das nach einem langen Beteiligungsprozess mit Parteien und Praxis, Verbänden und Wissenschaft jetzt erneut im parlamentarischen Verfahren ist, dort aber offenkundig in der Bund-Länder-Koordination feststeckt: Behinderte Kinder gehören in die Eingliederungshilfe und damit unter Sozialgesetzbuch (SGB) IX, was Ländersache ist, während für junge Menschen in der Jugendhilfe SGB VIII gilt, was vom Bund finanziert wird. „Wir brauchen den gesetzlichen Rahmen“, so Hagen. Fortschrittliche Kommunen, unter anderem mit Verfahrenslots:innen, würden bereits nach dem fertigen Gesetzesentwurf vorgehen, den die letzte Regierung wegen des „Ampel-Aus“ nicht mehr durch den Bundestag bekommen hat. „Wir müssen vor die Welle kommen“, so Hagen, also auch mehr Geld in die deutlich günstigere Prävention stecken als nur die teuren stationären Aufenthalte zu finanzieren.
Anna Aeikens findet ebenfalls, dass man genau schauen müsse, was passiert, wenn man darauf nicht achtet. Generell wünscht sie sich Umstrukturierungen, die zu Vereinfachungen und Effizienz führen. Sie will nachhaken in Partei und Ministerium, warum das neue Kinder- und Jugendstärkungsgesetz nicht vorankommt, obwohl es im Vorhabenplan steht. „Sollte es Teil der großen Sozialstaatsreform werden?“, fragte sie. Die diakonischen Gesprächspartner sehen hier die Gefahr, dass es dann noch lange dauern könnte.
Aeikens fragte auch danach, ob evaluiert wird, was funktioniert in dem Bereich. Der theologische Vorstand der Dachstiftung Diakonie Hans-Peter Daub berichtete von einer wissenschaftsbasierten Wirkungsforschung. Hagen brachte als Beispiele: Eine dauerhafte Hilfe ohne Wechsel bringe viel, wie auch familienpädagogische Arbeit in der KiTa als funktionierende Prävention.
Die Abgeordnete fragte auch nach dem Umgang mit dem Fachkräftemangel im Cornelius-Werk. Der pädagogische Leiter Frank Garnich berichtete, dass man viel Netzwerkarbeit mache, Praktikumsplätze anbiete und sich so als fairer Arbeitgeber präsentiere. Daub beklagte, dass unbegleitete Flüchtlinge durch die diakonische Jugendhilfe über Jahre mit viel Geld gut auf den Arbeitsmarkt vorbereitet würden, oft auch gefragte Berufe wie Pflegehelfer:in oder Kraftfahrer:in ergreifen wollen, aber zunehmend im Alter von 18 oder sogar 17 Jahren eine Abschiebeaufforderung erhalten. Dies irritiere die Betroffenen und auch Mitarbeitende in der Jugendhilfe sehr und „zerstört alles, was investiert wurde“. Er forderte einen Spurwechsel für gut integrierte Geflüchtete.
Alle Beteiligten zogen eine positive Bilanz der Diskussion, die eine Reihe mit neun Bundestagsabgeordneten-Gesprächen zum Thema inklusive Kinder- und Jugendhilfe abschließt.
Im Bild
Diskussion über inklusive Jugendhilfe (von links): Martin Frehse vom Cornelius-Werk, Dr. Björn Hagen vom EREV, die Bundestagsabgeordnete Anna Aeikens und der Theologische Vorstand der Dachstiftung Diakonie Hans-Peter Daub.
Foto: Gunnar Schulz-Achelis
